Die Leistungsbewertung und insbesondere die Klassenarbeiten werden nicht nur auf Twitter hart kritisiert. Sie wären maßgeblich daran beteiligt, moderne Lernmethoden zu verhindern. Ich kann das zumindest teilweise nicht teilen.

Prolog

Als ich vor ca. 30 Jahren meine Klassenarbeiten zurückbekam, stand unter meinem Text neben der Note meist eine kurze bis sehr kurze Rückmeldung. Für das weitere Lernen spielte sie kaum eine Rolle. Neue Unterrichtseinheit, neues Glück. Die Noten der Klassenarbeiten bildeten damals maßgeblich die Zeugnisnote. Ich fasse das unter „tradierte Praxis“ (oder „Die Klassenarbeit, wie wir sie kannten“) zusammen.

Rechtliches Fundament in NRW

Der Blick ins noch recht junge Schulgesetz NRW zeigt schnell: diese tradierte Praxis, die wir in unserer eigenen Schulzeit kennengelernt haben, ist vorbei.

§48 Schulgesetz NRW:

„Die Leistungsbewertung soll über den Stand des Lernprozesses … Aufschluss geben; sie soll auch Grundlage für die weitere Förderung … sein“

Die Kernlehrpläne (KLP) der Schulformen und Fächer konkretisieren die Vorgaben und legen die Latte gleich noch ein bisschen höher, der KLP Deutsch (Gesamtschule, Sek I) z. B. hält fest: „Die Leistungsfeststellung ist daher so anzulegen, dass sie den Lernenden auch Erkenntnisse über die individuelle Lernentwicklung ermöglicht. Die Beurteilung von Leistungen soll demnach mit der Diagnose des erreichten Lernstandes und individuellen Hinweisen für das Weiterlernen verbunden werden.“ Diese Ansprüche sind enorm und mit der tradierten Praxis aus unserer eigenen Schulzeit kaum oder nicht mehr vereinbar.

Insbesondere den Ansprüchen „Erkenntnisse über die individuelle Lernentwicklung“ und „Grundlage für die weitere Förderung“ kann die tradierte Klassenarbeit kaum gerecht werden, aber auch eine diagnostische Leistung möchte ich zumindest in Zweifel ziehen.

Neuer Typ Klassenarbeiten

Mittlerweile hat sich eine Menge getan. Ich erlebe kompetenzorientierte Checklisten (im Sinne von Arbeitsplänen) mit Selbsteinschätzungsmöglicheiten zur Vorbereitung auf Klassenarbeiten. Die zu erreichenden Kompetenzen sind mitsamt Beispielaufgaben übersichtlich aufgeführt. Nach der Klassenarbeit gibt es differenzierte Rückmeldebögen, die zu jeder angestrebten Kompetenz eine Aussage treffen  und auch Hinweise für das Weiterlernen enthalten. Hier verschmelzen Leistungsbewertung und individuelle Förderung miteinander. Zumal sowohl die Checklisten, als auch die Rückmeldebögen für das selbstständige Lernen genutzt werden können.

Zum praktischen Einsatz der Checklisten

Folgendes Vorgehen empfiehlt sich m. E.:

  • Die Checkliste für die Schülerhand enthält nur die wichtigsten Kompetenzen – sie muss übersichtlich sein und bleiben.
  • Die Checkliste wird zu Beginn des Unterrichtsvorhabens (UV) ausgegeben und besprochen.
  • In jeder Stunde dient die Checkliste zur Herstellung der Zieltransparenz (kann auch von den SuS selbst hergestellt werden).
  • Für jede Kompetenz werden Schülerexperten/Lernhelfer festgelegt, die aktiv in den Unterricht eingebunden werden.
  • Wenn Schüler/-innen eine Kompetenz beherrschen, müssen sie auch die dazu gehörigen Aufgaben nicht erledigen.
  • Vor der Klassenarbeit wird eine Lerntheke eingerichtet, die entsprechend der Kompetenzen der Checkliste aufgebaut ist und der Übung oder Vertiefung dient.
  • Am Ende der Lerntheke nehmen die Schüler/-innen eine Selbsteinschätzung vor und notieren sie auf der Checkliste.
  • Alternative: Die Schüler/-innen bilden Lernduos und geben sich gegenseitig ein Partnerfeedback.
  • Hinter jeder Aufgabe auf dem Klassenarbeitsblatt steht die zugeordnete Kompetenz der Checkliste (Beispiel: Aufgabe 1 – K3).
  • Die Schüler/-innen legen die Checkliste in das Klassenarbeitsheft. Die Lehrkraft schreibt ihre Einschätzung neben die Selbsteinschätzung des Schülers / der Schülerin.
  • Zeigt ein Schüler / eine Schülerin Schwächen bei einzelnen Kompetenzen, können diese Teil der folgenden Checkliste sein (es lohnt, dafür immer 1-3 freie Zeilen in jeder Checkliste vorzuhalten, die SuS können das auch selbst eintragen).
  • Zeigt die Auswertung Schwächen bei der gesamten Lerngruppe, können einzelne Kompetenzen in das nächste UV mitgenommen werden. Das sollte auch Anlass sein, das UV noch mal zu reflektieren: Was ist gut gelaufen, was kann ich methodisch-didaktisch optimieren?

Der (mir nicht bekannte) Kollege Jan Vedder hat mit dem „Matheboard“ eine Variante der Checkliste gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen entwickelt. Die Idee, die Checkliste systematisch um eine digitale Lernumgebung zu erweitern, finde ich beeindruckend und zukunftsweisend.

Klassenarbeiten angemessen gewichten

Auch die von mir damals wahrgenommene sehr ausgeprägte Gewichtung der Klassenarbeiten ist vorbei. Im Fach Deutsch (Sek I) ist die Gewichtung der Beurteilungsbereiche mit 50 / 50 vorgegeben, für die anderen Fächer gilt es, eine „angemessene“ Gewichtung umzusetzen. Warum nicht die Klassenarbeiten nur noch mit 40 % gewichten und dafür die Sonstige Mitarbeit und damit die wichtigen Lernprozesse stärker fokussieren?  Das enorme, völlig unterschätzte Potenzial der Sonstigen Mitarbeit erläutere ich gerne mal an anderer Stelle.

Was Schulen / Fachkonferenzen tun können

Die Leistungsbewertung ist ein sehr komplexes schulische Arbeitsfeld, aber bestimmt auch das, das am meisten zu diskutieren und bearbeiten lohnt. Angelehnt an pädadogisch-didaktische Grundsätze kann jede Schule selbst Grundsätze der Leistungsbeurteilung formulieren (solange sie im Einklang mit dem Schulrecht stehen) und in den Fachkonferenzen konkretisieren.

Die meisten Bundesländer haben sich selbst einen Rahmen gegeben, um Schulqualität zu beschreiben. Aus dem Referenzrahmen Schulqualität NRW lassen sich folgende Fragen zur Selbstevaluation in der eigenen Schule / Fachkonferenz ableiten:

  • Haben wir in unserer Schule / in unserer Fachkonferenz Grundsätze der Leistungsbewertung beraten, diskutiert und vereinbart?
  • Geben unsere Korrekturen und Kommentierungen von Überprüfungen Aufschluss über den aktuellen Leistungsstand und die individuelle Lernentwicklung?
  • Sind sie Schülerinnen und Schülern Hilfen für das weitere Lernen?
  • Wie gelingt es uns, die Leistungsbewertung in einer potenzialorientierten Form umzusetzen?
  • Wie nutzen wir die Ergebnisse aller Lernstands- und Lernerfolgsüberprüfungen, um die Zielsetzungen und Methoden des Unterrichts zu überprüfen und gegebenenfalls zu modifizieren?

Leistungsbewertung ist ein Schlüssel zur Digitalisierung

Die Leistungsbewertung halte ich maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich sehr erfolgsversprechende Lernkonzepte wie das projektorientierte Lernen an den Schulen nicht fest etabliert haben. Wie soll ich so erbrachte Schülerleistungen denn auf der Basis der tradierten Praxis bewerten? Für mich ist klar, dass die Leistungsbewertung gründlich überdacht werden muss. Bei jedem neuen Unterrichtskonzept sollte unbedingt von Anfang an die Leistungsbewertung mitgedacht werden, das gilt insbesondere für innovative Konzepte im Zuge der Digitalisierung. Dann kann die Leistungsbewertung schnell sogar zu einer Triebfeder der Unterrichtsentwicklung werden.

Kommentare, Hinweise und Fragen gerne via Twitter:

oder hier:

Quellen und Verweise

Schulgesetz NRW

Referenzrahmen Schulqualität NRW (Online-Portal)

Alle Lehrpläne NRW im Überblick

Referenzrahmen der Bundesländer im Überblick

Beitrag Raabe-Ordner „Fördern und Fordern in der Sekundarstufe I“ (Hier habe ich in mehreren Beiträgen u. a. Vorschläge zur Leistungsbewertung aufgeschrieben)

Vom Ende der Klassenarbeit wie wir sie kannten