Die Schule in NRW sind eigenverantwortliche Schulen, ihnen stehen individuelle Wege offen. Bei der Leistungsbewertung können sie einen Gestaltungsspielraum nutzen, der enormes Potential entfalten kann.

Vorab: In jedem Unterricht sollte von Anfang an die Leistungsbewertung mitgedacht werden. Das ist eine Grundlage für die systemische Implementierung neuer Unterrichtsmethoden in den Unterricht. Die Schulen haben dabei viel mehr Freiheiten, als die meisten Lehrkräfte ahnen. Die „Digitalisierer“ eint eines mit den Reformpädagogen: Beide Gruppen betonen die Bedeutung des Lernprozesses und kritisieren die einseitige Schwerpunktsetzung auf das Prüfungsformat Klassenarbeit.

Schulgesetzliche Regelungen

Allen Schulen werden schulgesetzlich Freiheiten zugestanden:

§ 29 SchG NRW

(2) Die Schulen bestimmen auf der Grundlage der Unterrichtsvorgaben nach Absatz 1 in Verbindung mit ihrem Schulprogramm schuleigene Unterrichtsvorgaben.

Diese Freiheiten können z. B. bei einer iPad-Schule entsprechend ihrer besonderen schulischen Rahmenbedingungen durch schuleigene methodisch-didaktische Schwerpunkte und Aussagen zur Leistungsbewertung ausgestaltet werden. Genaueres regeln nachfolgend die Fachkonferenzen:

§ 70 SchG NRW

(4) Die Fachkonferenz entscheidet in ihrem Fach insbesondere über

1. Grundsätze zur fachdidaktischen und fachmethodischen Arbeit,

2. Grundsätze zur Leistungsbewertung, …

Klar werden sollte schon hier: Den Schulen wird auf höchster, nämlich schulgesetzlicher Ebene zugestanden, dass sie selbst Grundsätze der Unterrichtsgestaltung festlegen können. Das ist ein enormer Paradigmenwechsel, der nach dem Pisa-Schock vorgenommen wurde. Die damals eingeführten Freiheiten der Schulen bilden nun die Grundlage für ein flexibles Handeln im digitalen Zeitalter.

Regelungen in Ausbildungs- und Prüfungsordnungen sowie den Kernlehrplänen

Eine Konkretisierung erfährt die Leistungsbewertung in den Ausbildungs- und Prüfungsordnungen und den Kernlehrplänen der Fächer. Und sogar bei den Klassenarbeiten gibt es Spiel: in der Sekundarstufe I kann pro Fach und Schuljahr eine Klassenarbeit durch eine alternative Form ersetzt werden (vgl. APO SI NRW, §6 (8)). Eine mögliche Alternative stellt z. B. ein Lernportfolio dar. Natürlich sind auch andere, digitale Formate denkbar, solange sie zu den inhaltlichen Vorgaben der Kernlehrpläne passen. Das Primat der Klassenarbeit sieht der Gesetzgeber übrigens so nicht. Die Gewichtung der Beurteilungsbereiche ist nur für das Fach Deutsch vorgegeben (50/50). Für alle anderen Fächer gilt eine „angemessene“ Berücksichtigung der Schriftlichen Arbeiten. Weitere Vorgaben gibt es nicht, Spielraum bleibt.

Kernlehrplan Mathematik SI Gesamtschule NRW

Dieser KLP zählt zur ersten Generation und ist älter als das iPhone (2004 vs. 2007). Und trotzdem enthält er zahlreiche Bezüge zum digitalen Unterricht. Die SuS müssen (!) u.a. den Umgang mit Tabellenkalkulationen,  Geometriesoftware und Funktionsplotter sowie das Internet zur Informationsbeschaffung nutzen lernen – sie müssen Medienkompetenz erlangen (vgl. S. 15). Am interessantesten finde ich den Blick auf die Sonstige Mitarbeit, weil hier die Lernprozesse am intensivsten in den Blick genommen werden können. Und, weil wir hier eine Lernsituation haben, die klar abgegrenzt ist von Leistungssituationen (Klassenarbeiten), die pädagogisches Arbeiten besonders zielführend ermöglicht.

Die Sonstigen Leistungen sind nicht umfassend definiert. Dazu gezählt werden beispielsweise folgende Teilbereiche:

  • Beiträge zum Unterrichtsgespräch in Form von Lösungsvorschlägen, das Aufzeigen von Zusammenhängen und Widersprüchen, Plausibilitätsbetrachtungen oder das Bewerten von Ergebnissen
  • kooperative Leistungen im Rahmen von Gruppenarbeit (Anstrengungsbereitschaft, Teamfähigkeit, Zuverlässigkeit)
  • im Unterricht eingeforderte Leistungsnachweise, z. B. vorgetragene Hausaufgaben oder Protokolle einer Einzel- oder Gruppenarbeitsphase, angemessene Führung
    eines Heftes oder eines Lerntagebuchs
  •  kurze, schriftliche Überprüfungen.

Die Teilbereiche können schulspezifisch ergänzt werden. Zudem sollte eine inhaltliche Ausschärfung vorgenommen werden. Ein in der Fachkonferenz einheitliches Verständnis über „kooperative Leistungen“ ist Voraussetzung für eine lehrkraftunabhängige, faire Bewertung. Bei der inhaltlichen Ausschärfung kann die Schule Akzente setzen. Es bedarf wenig Phantasie, um z.B. den Aspekt „Kollaboration“ im Teilbereich „Kooperative Leistungen“ fachspezifisch anzubinden. Auch der Einsatz digitaler Werkzeuge (dynamische Geometriesoftware, Tabellenkalkulaton) bedarf geeigneter Überprüfungsformen, die schulintern zu verabreden sind.

Fazit

Die Leistungsbewertung ist das m.E. komplizierteste Thema innerhalb von Schule/Unterricht. Mit Blick auf die Vergabe von Abschlüssen ist ein fachlich abgesichertes Vorgehen notwendig. Wer aber ernsthaft die Digitalisierung in seiner Schule/Fachkonferenz etablieren möchte, der sollte sich intensiv mit diesem Thema befassen. Der Gesetzgeber hat den Schulen einen breiten Spielraum belassen, der als Motor für Schulentwicklungsprozesse dienen kann. Geht nicht, gibt´s nicht.

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Leistungsbewertung als Triebfeder einer neuen Lernkultur

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