Gerade in den Zeiten der schnellen technischen Weiterentwicklung und den damit verbundenen Auswirkungen auf die Unterrichtsgestaltung taucht eine Frage ständig neu auf: „Wie soll guter Unterricht sein?“

In Deutschland ist Andreas Helmke mit seinem Buch „Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität“ eine der wichtigsten Referenzen, wenn es um die Annäherung an die Beantwortung dieser Frage geht. Die Frage ist wichtig, weil sich aus diesen Erkenntnissen praktische Konsequenzen für die Gestaltung eines schulischen Unterrichtskonzepts ergeben. Ich persönlich finde den Abgleich von wissenschaftlichen Erkenntnissen und persönlichen Unterrichtserfahrungen sehr spannend und empfehle das Buch darum gerne weiter. Es lässt sich sehr gut auch in einzelnen Sequenzen, mit gezielten Fragestellungen lesen.

Deutliche Kritik an der Fokussierung auf Schlüsselkompetenzen wie 4K

Überrascht hat mich die deutliche Kritik an den Schlüsselkompetenzen (zu denen ich auch die „4K“ (Link auf eine externe Seite) zähle) und die in durchaus starkem Kontrast zum Diskussionsstand im #twitterlehrerzimmer steht:

Die wichtigste Voraussetzung für kumulative und anspruchsvolle Lernprozesse sind gerade nicht formale Schlüsselqualifikationen, sondern ist eine solide und gut organisierte Wissensbasis, das heißt ein in sich vernetztes, in verschiedenen Situationen erprobtes und flexibel anpassbares Wissen („Intelligentes Wissen“), das Fakten, Konzepte und Theorien und Methoden gleichermaßen umfasst.

Helmke 2015, S. 39

Helmke führt das weiter aus und betont und kritisiert die Einflussnahme u.a. von außerschulischen Einrichtungen. Aus seiner Sicht kann der Eindruck bei Lehrkräften entstehen, dass die Fokussierung auf Schlüsselkompetenzen eine leichte Lösung für die komplexen Bildungsprobleme ist. Hier sieht er eine große Gefahr und liefert dazu auch empirische Erkenntnisse (die hier nicht ausgeführt werden können). Er ist jedoch kein Gegner der Schlüsselkompetenzen:

Erstens sind Programme und Konzepte, die sich der Entwicklung und der Stärkung von Schlüsselkompetenzen von Schülern widmen, nötig und wichtig – sie stoßen jedoch auch an Grenzen, wenn sie verabsolutiert werden oder wenn eine Unausgewogenheit zwischen der unabdingbaren Wissensbasis einerseits und Schlüsselkompetenzen andererseits entsteht. Gelegentlich sind Tendenzen der Vernachlässigung einer so lieben fachlichen Wissensbasis festzustellen.

Helmke 2015, S. 40

Intelligentes Wissen & kognitive Aktivierung

Fauth und Leuders beschreiben das insgesamt relativ ähnlich, wie ich finde. Sie sehen die „kognitive Aktivierung“ als wichtiges Merkmal guten Unterrichts an. Kognitive Aktivierung gehört zu den sog. Tiefenstrukturen des Unterrichts und meint die tiefe und aktive Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand. Auch sie rücken die Förderung der Schlüsselkompetenzen nicht in den Fokus, lassen sie aber auch nicht unerwähnt. Im anderen Band der gleichen Reihe nennen Trautwein z. B. Lern- und Problemlösekompetenzen (vergleichbar mit „Kreativität“) als Qualitätskriterium von gutem Unterricht (vgl. S. 4).

Was die Autoren der 4K sagen

Neugierig geworden, habe ich das Buch „Die vier Dimensionen der Bildung“ bestellt und eher ausschnittweise gelesen. Das Buch ist ganz anders, als das von Helmke oder anderen Bildungsforschern. Überrascht hat mich die relativ wenig komplexe Begründung für die Benennung der 4K. Es wurde eine Umfrage erstellt und daraus eine Synthese hergestellt, die eine große Bandbreite an Experten abbilden soll (vgl. S. 126ff). Durch „kumuliertes Feedback“ entstand der Gedanke, dass eine „Vereinfachung“ der Ergebnisse notwendig ist, um sie praxistauglich zu machen:

„Deswegen konzentriert CCR sich auf die vier Ks: Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation und Kooperation / Kollaboration“

Fadel u.a. 2015, S. 128

Die 4K beruhen also nicht auf Erkenntnissen der Unterrichtsforschung und Praxisversuchen, sondern auf dem Feedback von Organisationen (ATC21S, OECD (PIAAC) OECD (PISA) und Feedback von Bildungsministerien u.a. (nicht näher ausgeführt)), das zusammengefasst wurde. Insofern kann man Helmke schon zustimmen, wenn er fordert, dass sich auch die Schlüsselkompetenzen einer empirischen Überprüfung stellen müssen. Klar ist aber auch, dass sich Innovationen zwangsweise nicht aus empirischen Studien ergeben können, die in der Vergangenheit liegen.

Helmkes Fazit (und Gudjons Beitrag)

Ich finde Helmke sehr konsequent und schlüssig in seiner Argumentation. Er begründet seine Meinung mit Ergebnissen der Unterrichtsforschung und bezieht einige wissenschaftliche Quellen ein (mit dem Schwerpunkt auf Weinert). Er betont also das Intelligente Wissen, wobei er dafür den reinen Frontalunterricht als ausdrücklich ungeeignet ansieht (vgl. S. 270). Intelligentes, vernetztes Wissen braucht seines Erachtens unterrichtliche Vielfalt und zwangsweise (!) Projektunterricht:

D.h., dass neben dem lehrergesteuerten Unterricht in jeder Klasse – von der ersten bis zur letzten! – Projektunterricht mit sinnvollen Komplexen und transdisziplinären Problem eine zwingende Notwendigkeit ist.

Helmke, S. 42

„Zwingende Notwendigkeit“ – das finde ich für einen Bildungsforscher eine äußerst bemerkenswerte Aussage! Vor allem vor dem Hintergrund, dass er genau weiß, dass diese Unterrichtsform an deutschen Regelschulen im Regelunterricht „in der reinen Form“ (z. B. in Anlehnung an Gudjons) so gut wie nicht existiert. Helmke plädiert für eine „Koexistenz“ eines „Lehrplanunterrichts“ und des Projektunterrichts an jeder Schule. Gudjons sieht das sehr ähnlich. Auch er fordert, dass der von ihm stark propagierte handlungsorientierte Unterricht in Kombination mit anderen Unterrichtsmethoden zu sehen ist.

Mein Fazit

Nach der Lektüre von „Die vier Dimensionen der Bildung“ bin ich etwas enttäuscht. Ich hatte mir eine tiefgreifendere Begründung für die 4K erhofft und auch eine detailliertere Erläuterung der einzelnen „K“. Gerade diese Erläuterungen bleiben auf einem sehr allgemeinen Niveau („Kreativität“ wird noch am ausführlichsten dargestellt), darunter kann m. E. jeder etwas anderes verstehen. Für eine gleichsinnige Förderung der 4K in der Schule finde ich das bei weitem nicht ausreichend. Ein stückweit relativierte Fadel selbst die starke Fokussierung auf die 4K: „Das CCR unterstützt uneingeschränkt die Ansicht, dass Wissen und Fähigkeiten gemeinsam in einer sich gegenseitig verstärkenden Positiv-Spirale entwickelt werden“ (S. 141).

Vielleicht ist es nur eine Frage der Betonung?! Aus meiner Sicht ist die Betonung des „Intelligenten Wissens“ wichtiger, als die der 4K. Zumal das im Unterricht relativ handfest und gleichsinnig umgesetzt werden kann, weil es dazu belastbare Forschungsergebnisse gibt. Sehr deutlich ist mir geworden, dass jede Schule idealerweise einen Unterricht entwickelt, der beide Welten, die Projektwelt und die Lehrplanwelt, sinnvoll miteinander vernetzt.

Literatur

Fadel, Bialik, Trilling: Die vier Dimensionen der Bildung.

Helmke, Andreas: Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität.

Gudjons, Herbert: Handlungsorientiert Lehren und Lernen.

Trautwein, Sliwka, Dehmel: Grundlagen für einen wirksamen Unterricht (PDF)

Fauth, Leuders: Kognitive Aktivierung im Unterricht (PDF)

Guter Unterricht I – Helmkes Kritik an der Fokussierung auf Schlüsselkompetenzen