An verschiedenen Stellen im Twitterlehrerzimmer (twlz) wird aktuell ein Text von Felicitas Macgilchrist erwähnt und besprochen. Ich finde ihn herausfordernd zu lesen und spannend. Er steht m.E. teilweise im deutlichen Widerspruch zur gängigen twlz-Argumentation . Ich versuche im Folgenden zwei Aspekte abzubilden und freue mich über Diskussionen!

1. Aspekt: Pädagogik vor Technik

„Mit „postdigital“ bezeichne ich solche pädagogischen Ansätze, in denen es primär um neue Lehr- und Lernpraktiken, Bildungsziele und Vorstellungen von „guter Schule“ in einer digitalvernetzten Welt geht. Digitale Technologien sind für diese Praktiken und Ziele notwendig, aber sie sind den pädagogischen Überlegungen untergeordnet. Digitalität wird zum Hintergrund des Alltags.“

Felicitas Macgilchrist (https://m.bpb.de/apuz/293124/digitale-bildungsmedien-im-diskurs)

Im Twitterlehrerzimmer ist folgender Tweet in ähnlicher Form recht häufig zu lesen:

Während im Twitterlehrerzimmer „Pädagogik vor Technik“ als Prämisse häufig offen harsch kritisiert wird, betont Felicitas Macgilchrist die Ziele von guter Schule, denen digitale Technologien untergeordnet werden. Digitalität als „Hintergrundrauschen“ ist ein spannendes Bild!

2. Aspekt: Große IT-Anbieter

„Mit digitalen Technologien entstehen neue Parallelen zum Kolonialismus: Ähnlich wie globale Ressourcen wie Land und Mineralien von europäischen Ländern extrahiert worden sind, werden die wichtigsten gegenwärtigen Ressourcen, wie etwa persönliche Daten, von Technologie-Giganten wie Google (Alphabet), Apple, Facebook, Amazon und Microsoft extrahiert und monetarisiert. Es werden weiße, westliche, europäische Subjekte in der Entwicklung von Technologien zentriert und kolonisierte Menschen ausgeschlossen.

Felicitas Macgilchrist (https://m.bpb.de/apuz/293124/digitale-bildungsmedien-im-diskurs)

Die auf Twitter recht zahlreich vertretenen Apple-/Microsoft-/Google-Experten argumentieren zumeist anders, mit dem Fokus auf die gute und einfache Nutzbarkeit der Produkte großer Anbieter. Besonders pointiert formuliert es Martin Lindner:

Ich finde die Argumentation von Felicitas Macgilchrist in diesen beiden Punkten schlüssig und gut nachvollziehbar. Spannend finde ich die Frage, wie das twlz diese Argumentation aufnimmt!

Anhang & Kritik: Kompetenzorientierung

Ich folge ihrer Argumentation bei der Kompetenzorientierung (KMK-Papier) nicht so ganz:

„Den Schwerpunkt auf Kompetenzen setzte 2016 auch die KMK und legte für diese in ihrer Strategie einen Rahmen fest, der derzeit in die Praxis übersetzt wird. Zwei Aspekte können daran kritisch betrachtet werden.

Die Strategie enthält insgesamt 61 einzelne Kompetenzen, eingeordnet in sechs teils zusammenhängende Bereiche. Obwohl in der Strategie ein „Primat des Pädagogischen“ ausgerufen wird, lässt sich bei 41 dieser Kompetenzen ein Primat des Technischen feststellen, etwa in dem Anspruch, eine „Vielzahl von digitalen Werkzeugen [zu] kennen und kreativ anwenden“ zu können. Digitale Technologien werden zu Werkzeugen reduziert und zum Selbstzweck eingesetzt: Sie sollen kreativ genutzt werden, um sie kreativ nutzen zu können. Nur 15 Kompetenzen heben umfassendere Ziele hervor, zum Beispiel, „als selbstbestimmter Bürger aktiv an der Gesellschaft“ teilzuhaben.

Felicitas Macgilchrist (https://m.bpb.de/apuz/293124/digitale-bildungsmedien-im-diskurs)

Sie reduziert an dieser Stelle die Kompetenzen auf ihre bloße Anzahl hin. Das ist m.E. deutlich zu einfach argumentiert. Man muss in der Praxis im Blick haben, dass auch die nur 15 „guten“ Kompetenzen zeitlich und inhaltlich durchaus dominieren können und sollen (!).

Am konkreten Beispiel:

Die Kompetenz:

„Standards der Quellenangaben beim Produzieren und Präsentieren
von eigenen und fremden Inhalten kennen und anwenden“

(Medienkompetenzrahmen NRW)

sollten die SuS sicherlich beherrschen. Sich diese Kompetenz anzueignen wird jedoch einen vergleichsweise kurzen Zeitraum benötigen.

Die „gute“ Kompetenz:

„Kommunikations- und Kooperationsprozesse im Sinne einer
aktiven Teilhabe an der Gesellschaft gestalten und reflektieren; ethische Grundsätze sowie kulturell-gesellschaftliche Normen beachten“

(Medienkompetenzrahmen NRW)

wird in einem viel umfangreicheren Rahmen und sehr viel häufiger thematisiert werden müssen. Sie könnte sogar handlungsleitend als Grundsatz der Bildungs- und Erziehungsarbeit genutzt werden. Beide Kompetenzen miteinander zu vergleichen verbietet sich m. E. und insofern kann ich mich hier der Argumentation von Macgilchrist nicht anschließen.

Feedback / Diskussion

„Digitale Bildungsmedien im Diskurs. Wertesysteme, Wirkkraft und alternative Konzepte“ vs Twitterlehrerzimmer